Das große Vergessen – der andere AlzheimerBlog «

Kategorie: Alzheimer/Demenz Autor: gerd Datum: 2. Juni 2010 um 09:47

Wie ist denn eigentlich…….. Demenz?

1. Text …Versuch einer Annäherung…
Das große Vergessen marschiert durch die Reihen und verschlingt das Denken an die Einzigartigkeit, das ewige Leben und die Vorherrschaft des Geistes.

“Es gehen einem, es gehen einem die Bilder durch den Kopf, die haben aber, die haben aber keinen Namen net. Die Bilder die verschwinden, die sind einfach mal da und dann, wie so ein Blitz, so zack, zack, und schon ist da wieder ein Loch. Vergesslichkeit Gedächtnisschwäche Gedächtnisschwund Gedächtnisstörung Schlechte Erinnerung Gestörtes Erinnerungsvermögen

Vergesslichkeit, was ist des?

Manchmal denk´ ich, ich leb nur noch neulich und damals. Alles was heut´ so passiert ist gleich wieder weg, alles Neue verschwindet gleich wieder, so als wollt´ es sich vor mir verstecke. Kaum ist es da, schon ist es wieder weg. So wie im Nebel… im Nebel kann mer sich so schön verstecken, sollen die anderen doch suchen, der Nebel macht alles so gleich, da gibt´ s nix zum aufregen, der Nebel macht alles so rund, da passt mer gut rein. Aber im Nebel tut mer sich auch fürchten, der macht Angst, weil alles drin verschwindet, da ist mer dann ja nicht mehr, da muss mer sich dann vergessen, es gibt ja nix mehr im Nebel. Mer macht sich viel zu viel Gedanken um des, was gestern war und morgen sein wird und heute ist. Man sollte vielmehr fühlen, wie es ist, wenn mer net mehr denken kann. Wie ist es denn, wenn man den Verstand verliert? Wie ist es denn, wenn man verrückt wird? Also nein, ich muss jetzt raus hier, nein, ich lass mich auf nix mehr ein. Auf den nächsten Zug und heimfahren… Wenn man doch bloß wüsste, also ich, ich, ich könnt heule…. Wo bin ich denn hier? Wo bin ich denn hier eigentlich? Kein Mensch sagt einem, wo man hier ist. Ich muss heim, ich muss nach Freiburg. Freilich sind mir hier in Freiburg, des weiß ich, aber ich mein nicht des Freiburg, ich mein´ des Freiburg im Breisgau, im Alemannischen, 40 Jahr´ wohn ich da schon. Und man lässt mich nicht heim, hab´ ich denn kein Anrecht mehr auf meine Kinder, haben denn meine Kinder kein Anrecht mehr auf ihre Mutter? Verabredungen Abmachungen Vereinbarungen Kompromisse Einigungen Mittelwege Übereinkünfte Abkommen Übereinkommen Verabredung, was ist des?

Und dann wollen die andern, das ich mich daran halten tu, an die Verabredungen. Die haben gut reden und schimpfen. Wie soll ich mich denn an was halten, an das ich mich garnet mehr erinnern kann. Die meinen wohl, dass ich mir all das merke soll, was die von einem wollen. Das ist ja schon unverschämt, und dann muss ich mir auch immer wieder die Vorwürfe anhören:

Ich kann mir doch net alles unwichtige behalten. Ei die sollen mich doch in Ruhe lasse. Orientierung? Da, wo die Sonne aufgeht, ist der Osten, und nur der ist orientiert, der weiß, wo er ist. Orientierung, was ist des? Und dann muss ich ja auch zum ich ja auch zum Sachen einkaufe, in die Geschäfte, wo mer all des kriegt , was mer bezahlen tut. Nur, wo muss ich dann jetzt hin, des sind ja alles neue….also ich kenn die Läden net mehr. Und überhaupt die Strass´… ich weiß net emal, wo ich hier bin, net emal wie die Stadt heißt. Wenn ´s nicht so traurig wär ´, könnt mer drüber lache. Jede Strass´ hat einen Namen, jedes Haus hat eine Nummer, über jedem Geschäft leuchten die Buchstaben. Nur, wie die Stadt heißt, wenn mer da drin ist, des liest mer nirgends. Ich weiß ja net emal, wo ich hier bin. Wo bin ich denn überhaupt? Wortfindungsstörungen? Ich soll benennen anstatt zu beschreiben. Ich soll konkret werden, anstatt zu umschreiben. Wortfindungsstörung, was ist des? Am Besten wird sein, ich sag garnix mehr, des wird alles doch alles bloß gegen, immer tun die so, als wenn unser einer sich gegenüber…. also wie soll ich sagen. Am Besten wird sein, ich sag garnix mehr. Zeitlosigkeit, Moment, Augenblick, Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre, ein Leben lang. Zeit, was ist des? Des frag ich dich: Zeit, was ist denn des? Du hetzt mich doch getrieben durch einen anderen Tag, gib mir doch die Zeit um zu erahnen. Du suchst die Logig in meinen Taten. Die Lust bestimmt mein Verlangen. Du planst die nächsten Schritte. Unberechenbar bin ich voraus. Du ordnest die Dinge, ich schenk dir das Chaos. Du gehst auf der Linie gerade aus. Ich liebe die Sprünge, mal kreuz und mal quer. Du zählst die Minuten zur Stunde zum Tag. Ich mach mir selbst den Rhytmus der Zeit. Du forderst die Reinheit, ich scheiß drauf. Du fragst nach dem nutzen, spiel doch mit mir. Du willst mich befrieden, ich schlag dir den Krieg um die Ohren. Ich denk mir nur, lasst mich doch in Ruh´. Des Beste wird sein, ich mach garnix mehr, ei des deprimiert einen doch, wenn mer alles falsch macht, es interessiert mich auch net mehr, sollen doch die anderen sehen, wie sie mit der Welt zurecht komme. Alles was ich anpack geht in die Hose. Ei da verliert mer doch die Lust, und überhaupt, des macht einen doch verrückt, und es macht auch Angst. Nein, die andern habe sowieso immer recht. Aber wart´s ab, die werden ihr Fett auch noch abkriege, und überhaupt, die sind sowie schuld dran, dass ich mich so fühle tu. Die meinen, sie wüssten alles besser. So als hätte sie die Weisheit mit denen Gabeln geschaufelt. Nein. Nicht mit mir, da mach ich nicht mehr mit. Unruhe Chaos Kopflosigkeit Verwirrung Kraut und Rüben Störung Beunruhigung Unstimmigkeit Defekt Behinderung Unruhe, und weiter? Und dann wollen die auch noch, dass mer sitzen bleiben soll. Mer soll sich still und ruhig verhalten. Soll so tun, als ob man eine Statue wäre, als ob ich aus Stein gemeißelt wär´, als ob ich tot wär, net mehr leben tät´. Ei, mer will doch nur laufe, sich bewege, fort. Mer kann doch net stundenlang hocke bleibe und nix tun. Da wird´ mer doch verrückt dabei. Es muss doch alles erledigt werden, selbst wenn mer net mehr genau weiß, was es ist, des zu tun ist, aber es muss doch gemacht werden. Wer rastet der rostet doch, ich muss laufe, nein, ich kann net still… lass mich in Ruhe…ich muss fort…ich muss jetzt…nein…Finger weg…du hast ja keine Ahnung wie des ist, wenn mer laufe muss…geh fort, lass mich…Ich will auf den nächsten Zug und heim fahren. Und mein Heim des ist in Freiburg, in Freiburg im Breisgau. Und ich weiß, dass mir hier in Freiburg sind. Und ich will heim. Aber an den Freiburger Breisgau denk ich net grad. Ich denk an den Breisgau in Freiburg. Vierzig Jahr wohn ich schon dort. In Freiburg, aber da wohn ich net. Ich weiß dass mir hier in Freiburg sind. Aber Freiburg ist ein kleines Kuhdorf. Gegen die Stadt im Allemanischen. Freiburg ist eine große Stadt. Aber ich hab noch net alles umgehen können. Ich bin schon viel gelaufen da. Ich muss raus hier, ich bin doch hier net daheim. Ich will heim. Ich wohn hier net. Ich fühl mich wie im Gefängnis. Obwohl, das ist nicht recht, dass ich so denke. Es ist ja kein Gefängnis. Es ist halt nur so, nein, ich kann net hier bleiben. Es passt doch garnet zu mir, es passt doch garnet. Ich bin hier net richtig. Irgendwie passe ich net hierher. Aber wo muss ich hin, wo bin ich daheim, wo pass´ ich hin? Ich muss einfach nur fort, fort und laufe und laufe nur net hier bleibe, nur net ruhig werden, die könnten ja komme und nein ich muss laufe, lasst mich laufe… Das große Vergessen ? mittendrin. Vergesslichkeit Namen verlieren Namen Schall und Rauch Bedeutung Größe Macht Rang Einfluss Ausmaß Kraft Ansehen Ehre Sprachschwierigkeiten Sprachverständnis Sprache Verständigung Muttersprache Einigung Eintracht Zustimmung Rede Gespräch Aussprache Absprache Was ist des alles? Und jetzt bin ich auch noch hier in dieser Wirtschaft gelandet. Die haben mich heute morgen hier abgesetzt, und keiner hat ein Wort zu mir gesagt, ich hab kein Geld dabei, und wenn ich jetzt emal wo hin müsst, ich könnt nix bezahlen, und die Kinder wissen doch garnet, wo ihre Mutter ist. Was mach ich dann hier, mer könnt meine, ich wär´ zur Kur. Und überhaupt, wo geht mer dann hier emal aufs Klo, wenn mer mal Wasser in einem fort. Die sagen als, ich hätte hier ein eigenes Zimmer. Niemand hat mich aufgeklärt, was so der Ablauf von einem Tag, wie so alles geregelt…mer findet sich doch garnet mehr zurecht…da sind doch eine Tür neben so vielen, und alle gleich, so als wären es Konfektionsgrößen. Und die ganze viele Leute, die kennt mer sowieso net, und viele scheinen net mer ganz richtig im…was habe mer denn eigentlich für ein Tag und überhaupt, schneit ´s denn schon. Es muss doch bald Winter sein, es ist doch alles so kalt. Und mein Geld ist auch fort, ich hatt doch noch 100 Mark und alles ist weg, des hast man mir gestohlen, des hat jemand mitgenommen. Es kommt hier sowie alles weg, mit der Zeit verliert mer alles, sogar sich selbst, alles nehmen sie einem weg, und sagen das mer selbst dran schuld ist, weil mer doch net mehr braucht. Aber sie gucke mich alle schon ganz komisch an, so als wär mer was besonderes, als wär mer eine Attraktion, wie im Zirkus. So, als wenn mer kleine Kinder oder Hunde am Tisch hat, die alle ein Kunststück… um die anderen zum Lachen zum bringen, aber es ist ja wie zum heulen. So als täte sie nur drauf warte, dass mer wieder was verkehrt macht. Und dabei verliert mer ja alles, was einen ausmacht, also sich selber, sein ganzes inneres Hab und Gut. Obwohl mer wird ja auch immer blöder, und mer braucht ja auch immer mer die Hilfe von dene anderen. Mer kommt ja allein fast gar net mehr klar. Eigentlich wollt´ ich immer jung bleiben und doch dabei möglichst alt werden aber ich wollt´ beim Altwerden nix hergeben ich wollt´ kräftig bleiben und gesund bleiben und net sterben scheußlich sterben ich will jung bleiben ich will leben ich will net alt werden und sterben ich weiß net am besten ich vergesse einfach alles. Wenn ich doch nur wüßt´ wie all die Leute heiße, die de ganzen Tag so um mich rum sind. Die tun grad so, als würde die auf mich aufpasse. Und die Nachbarn grüße all so komisch, so als täte sie mich kenne und sage < Guten Tag, Frau Baumann> und ich weiß net, wie die heiße. Es ist schon peinlich, wenn mer net mehr weiß, wie die Leut´ heiße, und was die überhaupt von einem wolle. Und es ist so, als dass mer sich schäme tut. Des gehört sich net, dass mer net mehr weiß, wie die geschrieben werden, und wo sie herkommen, und wer dann des Haus gebaut hat, wo sie drin wohne. Und dann frage sie wieder: Ob ich noch wüßt, wie mer letzte Woche in der Stadt waren, auf dem Münsterplatz, beim Weinfest? Letzte Woche? Weinfest? Sicher kenn ich des Münster, des ist doch des große Haus, wo mer drin beten tut. Und wo die Dinger da , die große Schüsseln läuten tun. Und dann fragen sie mich, ob ich wüßt, ob der Briefträger schon da war? Und ob der Doktor schon da war? Woher soll ich dann des wisse? Wollt dann überhaupt der Doktor komme? Was fehlt mir dann überhaupt. Wenn der Doktor kommt, dann muss ich mich auch noch wasche. Hab´ ich mich heut´ überhaupt schon, und die Zähne geputzt, was die alles wisse wollen. Ich weiß es doch net. Was soll ich dann noch alles wisse und mir behalte. Ich hab´ doch grad genug damit zu tun, dass ich net vergessen tun, was ich sowieso net behalten kann. Und dann soll ich auch noch kapieren, was die meine, wenn sie sagen, ich soll die Heizung ausmache, wenn ich ins Bett gehe tu. Was ist denn des überhaupt, eine Heizung, geht mich des überhaupt etwas an. Und ich versteh´ zwar was die sagen, aber ich kapier´s net. Ich kapier´s einfach net. Ich weiß, das des Wörter sind, freilich weiß ich, was also die einzelnen Buchstaben gehören doch zusammen und mer hört sie auch so die was bedeuten tun, aber sich weiß net was. Manchmal kommt es mir so vor, als wenn die chinesisch schwätze täten. Und wenn sie es täte, würd´ ich garnix mehr verstehen. Ich würd ihnen gern alles sagen, so wie ich mein Herz auslaufen lasse, ich würd auch gern alles mich beeilen und da machen was net so kalt im Winter, wenn ich mich freue, aber wo soll ich denn den Taufschein muss doch irgendwo verstecken. Und die Namen sind alle fort. Ob sie wieder kommen, vielleicht wenn?s wärmer wird. Im Herbst und beim Holzholen. Jetzt bin schon net mehr, obwohl ich weiß immer noch Franziska, und auch das da mal was war, früher, als ich noch viele Bilder sind da, die immer wieder mal keinen Sinn mehr machen, obwohl sie da sind. Verstehen müsst mir sie halt können, und dann in die Garage, weil mer doch die Kinder in die Schule bringen tät. Und dann geht net mehr viel. Wenn sie einem sagen, dass mer sich waschen tun soll, anziehen tun soll, und Essen tun soll, dann tut mer halt die grüne Stile mit der Farbe gießen und mit Wasser voll mache, weil sie so leer sind und die Wurzeln schreien tun vor Durst. Und dann guckt mer halt durch die Löcher in der Wand, weil mer hofft dass irgendeiner jetzt vom Himmel fallen tät, und all das tun täte, was die von einem wollen und mer selbst ist zu blöd dazu, weil mer überhaupt keinen Schimmer mehr hat von alle dem Leben. Und dann tut mer halt da vorne des aufmache, wo des mit dene Kartoffeln reinkommt, und garnet mehr schmeckt, weil mer nix mehr riechen tut, und wenn, weiß mer net, wo´s her kommt und wie´s heißt. Mer weiß bald garnix mehr von alle den Regeln, die mer kenne muss, um überhaupt hier als Mensch…Sicher wolle die einem was sagen, und helfen und anleiern, und hoffe, dass mer überhaupt noch was kapiert, weil die verlieren ja genau so viel, wie einer selber. Die tun doch auch heulen, weil ich doch seh´, wie sie´s mache, weil die Mutter sich selber verlier und sie nix mer haben, woran sie sich fest halten können, wenn sie mal ausgewaschen sind. Sie brauchen doch ihre Mutter, und die ist jetzt net mehr da, die wird immer weniger, mer kennt sie ja kaum noch, sie kennt sich ja selber auch net mehr. Wer ist dann des, die Mutter? Wo kommt die dann her. Wie heißt die dann. Und überhaupt, wo geht mer dann hier emal aufs Klo, wenn mer mal Wasser in einem fort. Die sagen als, ich hätte hier ein eigenes Zimmer. Niemand hat mich aufgeklärt, was so der Ablauf von einem Tag, wie so alles geregelt…mer findet sich doch garnet mehr zurecht…da sind doch eine Tür neben so vielen, und alle gleich, so als wären es Konfektionsgrößen. Und die ganze viele Leute, die kennt mer sowieso net, und viele scheinen net mer ganz richtig im…was habe mer denn eigentlich für ein Tag und überhaupt, schneit ´s denn schon. Es muss doch bald Winter sein, es ist doch alles so kalt Und mein Geld ist auch fort, ich hatt doch noch 100 Mark und alles ist weg, des hast man mir gestohlen, des hat jemand mitgenommen. Es kommt hier sowie alles weg, mit der Zeit verliert mer alles, sogar sich selbst, alles nehmen sie einem weg, und sagen das mer selbst dran schuld ist, weil mer doch net mehr braucht. Wenn doch bloß die Leute net mehr da wären, die mer sowieso net mehr sieht, die wispern so, die nuscheln so, alles so heimlich, als wäre es unheimlich. Da ist nix! Da ist nix! Ich hör´s doch. Die schwätzten doch, aber nur mit mir. Was wollen die denn von mir, sonst reden die mit niemand. Komisch. Ob die verrückt sind? Ich will heim. Wenn ich nur wüßt, ich muss auf der nächste Zug und die Treppe runter und dann zur Tram, ich kann nicht mehr hier bleiben. Nur fort, raus, heim. Fehrenbachallee, Franziska Baumann. Fehrenbachallee, Franziska Baumann, Fehrenbachallee, Franziska Baumann. Wo bin ich denn hier, wo ist dann des, wo muss ich dann hin? Hallo, hallo, hier, Fehrenbachallee.

Hallo, hier… Hallo…Heim…”